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Paläobiologie: Fossile Wanze mit markanter Schere

22.04.2026

In fossilem Bernstein entdecken LMU-Forschende eine bislang unbekannte Wanzenart mit „Krabbenscheren“.

Im Bernstein aus der Kachin-Region in Myanmar haben sich sehr viele Fossilien erhalten, die einen Einblick in die Vielfalt der kreidezeitlichen Fauna eines 100 Millionen Jahre alten Waldökosystems ermöglichen. Immer wieder enthüllt die Fundstätte dabei auch bislang unbekannte Arten.

LMU-Forschende entdeckten jetzt das Fossil einer Wanze, die ein für Insekten ungewöhnliches morphologisches Merkmal aufweist: Sie trägt an den Vorderbeinen große Scheren, die an die Greifwerkzeuge von Krabben und ähnlichen Krebsen erinnern. Wie Pinzetten oder Zangen funktionierende Scheren, sogenannte Chelae, sind bei Insekten eigentlich eher selten.

„Krabbenscheren“ neu erfunden

CT-Scan der neu entdeckten Insektenart mit ihren markanten Scheren. | © Haug

„Bisher waren nur drei Insektengruppen bekannt, in denen solche Scheren auftreten. Dieser Fund ist somit erst das vierte bekannte Beispiel dafür, dass solche Strukturen evolutionär unabhängig voneinander in der Gruppe der Insekten entstanden sind“, erklärt Privatdozentin Carolin Haug, Zoologin an der Fakultät für Biologie der LMU.

Mit ihrem Team und in Zusammenarbeit mit Forschenden aus Rostock sowie dem finnischen Oulu untersuchte sie das Fossil mit Hilfe von Mikro-Computertomographie, um alle Strukturen seiner Anatomie dreidimensional sichtbar zu machen. Die Ergebnisse erschienen nun im Fachmagazin Insects.

Wie eine quantitative Analyse der Form von mehr als 2000 Scheren und ähnlichen Greifstrukturen verschiedener ausgestorbener und heute lebender Arten zeigte, unterscheiden sich die Scheren der fossilen Wanze stark von den entsprechenden Strukturen bei anderen Insektenarten. Vergleichbar gebaute Chelae gibt es stattdessen in der eher etwas weitläufigeren Verwandtschaft der Insekten, etwa bei Zehnfußkrebsen oder Scherenasseln.

Wasserwanzen in K-Pop-Pose

In Bernstein konserviert: Die neu entdeckte Wanzenart Carcinonepa libererrantes. | © Haug

Aufgrund dieses auffällig andersartigen Merkmals stellten die Forschenden die fossile Wanzenart mit den „Krabbenscheren“ in eine eigene, neue Gattung und tauften sie auf den wissenschaftlichen Namen Carcinonepa libererrantes. Der Gattungsname leitet sich vom lateinischen „Carcino" für Krabbe ab und endet mit „nepa", dem wissenschaftlichen Namen einer Gruppe von Wasserwanzen.

„Der Artname libererrantes ist eine lateinische Form der aktuell sehr erfolgreichen K-Pop-Band Stray Kids. „Wir fanden den Namen sehr passend, weil die Haltung der Scheren des Fossils der charakteristischen Pose der Band sehr ähnelt – es ist die Lieblingsband einer der Autorinnen, Fenja Haug“, erzählt Carolin Haug.

Anhand der erhaltenen morphologischen Merkmale von C. libererrantes ordnen die Forschenden die neue fossile Art innerhalb der Gruppe der Wanzen den Wasserwanzen (Nepomorpha) zu. Abgesehen von den auffälligen Scheren ähnelt der Körperbau dem von noch heute lebenden Vertretern der Untergruppe Gelastocoridae, die an ein Leben als terrestrische Räuber angepasst sind.

„Anhand der Morphologie von C. libererrantes lässt sich vermuten, dass diese Art ähnlich gelebt hat. Als Lebensraum darf man sich einem kreidezeitlichen Wald vorstellen, wahrscheinlich in Küstennähe.“ Die mit den auffälligen Scheren ausgestatteten Vorderbeine dienten der fossilen Wanze wohl dazu, kleine Insekten zu fangen.

Carolin Haug, Fenja I. Haug, Marie K. Hörnig, Florian Braig & Joachim T. Haug: A True Bug with a True but Unique Chela in 100 Million Years Old Amber. Insects 2026